Perfektionismus: Risiken, Nebenwirkungen – und ein kleines Hausmittel

Stundenlang an einem Slide der Präsentation feilen. Auf die Minute pünktlich sein. Aufräumen, bis der letzte Krümel verschwunden ist. Perfektionismus gilt oft als „edles Laster“. Dabei hat er deutliche Nebenwirkungen, wenn wir ihn unser Leben regieren lassen: Auf die Spitze getrieben wirkt er sich negativ auf unsere Leistung aus, beeinträchtigt unsere Beziehungen und ist eine häufige Ursache von Stress. Gründe genug, es mal anders zu versuchen!

Der Überblick: Darum geht’s in diesem Beitrag:

 

  • Perfektionismus und seine Facetten
  • Perfektionismus und Leistung
  • Perfektionismus und Beziehungen
  • Perfektionismus und Stress
  • Perfektionismus ablegen

Perfektionismus und seine Facetten

Perfektionismus hat unzählige Facetten. Es können alltägliche Situationen sein wie das stundenlange Feilen an einem Slide.

Vielleicht fangen wir aber auch mit einer Aufgabe gar nicht erst an, die wir besonders gut machen wollen. Oder planen Projekte – und seien sie noch so klein – bis ins letzte Detail. Vielleicht haben wir Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen. Oder sind mit dem, was wir erreicht haben, nie ganz zufrieden. Und vermutlich sehen wir auch bei anderen immer erst das, was nicht ganz perfekt erledigt wurde.

Egal wie sich Perfektionismus bei uns zeigt: Fast immer glauben wir, dass es der Perfektionist in uns ist, der uns dahin gebracht hat, wo wir sind. Ihm verdanken wir unseren Erfolg – da sind wir uns sicher. Deshalb fällt es uns so schwer von ihm abzulassen.

Und ja – Dinge richtig gut zu machen, ist manchmal erforderlich und sinnvoll. Aber: Diese Situationen sind die Ausnahme. Man geht davon aus, dass für die Erreichung unserer Ziele nur 20 Prozent der Aufgaben wirklich perfekt erledigt werden müssen. In 80 Prozent der Situationen ist eine perfekte Lösung nicht erforderlich.

Alles perfekt zu machen, ist also nicht notwendig. Und bringt Nachteile mit sich: Es reduziert die Lebensfreude, es beeinträchtigt unsere Beziehungen zu Mitarbeitern, Freunden oder Familie und – für Perfektionisten schwer zu ertragen – es schränkt uns auch in unserer Leistung ein.

Perfektionismus und Leistung

Wollen wir all die kleinen und großen Aufgaben des Alltags perfekt erledigen, kostet das nicht nur Nerven, sondern vor allem Zeit. Alles perfekt zu machen heißt schlicht weniger zu schaffen. Die Produktivität sinkt.

Hat der Perfektionist in uns das Ruder übernommen, fällt es uns auch schwerer, Entscheidungen zu treffen. Wir versuchen dann, jede Option in all ihren Verästelungen zu durchdenken und treffen die Entscheidung erst sehr spät oder gar nicht. Auch das verringert unsere Produktivität. (Was – neben etwas weniger Perfektionismus – hilft, die richtige Entscheidung zu treffen, lesen Sie hier ▼.)

Geht es im Alltag oder im Job auch darum, ein bestimmtes Pensum zu schaffen, mindert geringere Produktivität messbar unsere Leistung.

Fast immer führt der Perfektionismus, den wir auf Klein- und Kleinstaufgaben verwenden, auch dazu, dass wir weniger Zeit oder weniger Energie für wirklich wichtige Aufgaben haben. Dann fehlt die Qualität ausgerechnet dort, wo sie tatsächlich vonnöten wäre.

Als Perfektionisten neigen wir zudem dazu, auch bei den Leistungen anderer zuerst das zu sehen, was nicht vollkommen ist. Wir legen dann gern selbst Hand an und bessern nach: In dem Slide ist eine Zeile verrutscht? Das ändern wir doch lieber schnell. Im „wirklich aufgeräumten“ Kinderzimmer finden sich noch Socken in der Ecke? Die tragen wir noch kurz zum Wäschekorb.

Auch dieses Einspringen kostet Zeit, Nerven und Energie, geht zulasten der Produktivität – und im schlimmsten Fall zulasten der Qualität der Aufgaben, die eigentlich unsere volle Aufmerksamkeit bräuchten.

Perfektionismus und Beziehungen

Legen wir hohe Maßstäbe an uns und unsere Leistung an, tun wir das fast immer auch bei anderen – egal ob bei unseren Mitarbeitern, unserem (Ehe-)Partner oder unseren Kindern.

Weil wir als Perfektionisten bei anderen nicht nur das Haar, sondern auch das Härchen in der Suppe finden, fällt es uns schwer, die Leistung anderer als gut genug zu erachten. Selbst wenn der oder die andere 99 Prozent einer Aufgabe wunderbar erledigt hat, wird der Perfektionist in uns das eine Prozent, das fehlt, als erstes entdecken – und meistens auch kritisieren.

Da wir im Perfektions-Modus zudem dazu neigen, die eigene Herangehensweise als die allein richtige zu erachten, sind wir in diesen Momenten rigide und unflexibel. Alternativen Wegen ans Ziel wird dann erst einmal mit Skepsis und Misstrauen begegnet.

Bei Mitarbeitern, Familie oder Partnern führt das zu Frustration, Enttäuschung, Ärger, Stress –  und auf lange Sicht oft zu Resignation. Ich kann es ihm oder ihr ja eh nicht recht machen. Wieso soll ich es überhaupt noch versuchen?

Perfektionismus und Stress

Der Perfektionist in uns glaubt, dass wir erst dann glücklich sind, wenn alles perfekt ist und nach Plan verläuft. Dann können wir ruhig schlafen, dann kann nichts mehr passieren. Dann ist alles gut.

Dabei ist es gerade der Perfektionist in uns, der uns nachts wach liegen und stundenlang grübeln lässt.

Denn wir wissen ja eigentlich, dass Perfektion in allem schwer zu erreichen ist und sie zudem oft im Auge des Betrachters liegt. Durch unser Streben nach allgegenwärtiger Perfektion setzen wir uns einem ungeheuren Druck aus.

Hinzu kommt, dass das Leben nur selten nach Plan verläuft: Manchmal kommen uns die Wünsche oder Bedürfnisse anderer Menschen dazwischen. Manchmal müssen wir auf äußere Faktoren wie einen Stau, fehlendes Internet oder – auch das – eine Pandemie reagieren. Oder es ergibt sich bei uns selbst eine Änderung, wir werden krank oder müssen ein Projekt vorziehen, das für später geplant war.

Von einem einmal gefassten Plan oder einer einmal getroffenen Entscheidung abzulassen, fällt dem Perfektionisten in uns schwer. Es kostet Kraft und Energie. Es verursacht Stress, ist doch die so kunstvoll erdachte Ordnung gestört. Bis wir uns neu sortiert haben, braucht es Zeit und Energie – die dann an anderen Stellen fehlt.

Perfektionismus ablegen

Die gute Nachricht: Wir müssen den Perfektionisten in uns gar nicht für immer verbannen. Wir dürfen und sollen ihn nutzen, wenn es darauf ankommt. Es geht vielmehr darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann er wirklich gebraucht wird – und wann wir ihn entspannt beiseite packen können.

Dabei kann uns ein einfacher Trick helfen, der – in ausdifferenzierterer Form – vom US-amerikanischen Coach und Neurowissenschaftler Shirzad Chamine vorgeschlagen wird. Knapp formuliert sind die Schritte dabei: Erkennen, benennen, einordnen.

Erkennen

Im ersten Schritt machen wir uns klar, woran wir es eigentlich merken, wenn der Perfektionist in uns das Ruder übernommen hat. Welche Gedanken gehen uns dann durch den Kopf? Welche Gefühle sind dann vorherrschend? Ist es eine Unzufriedenheit oder eher eine Sorge? Ist es Ärger oder Wut? Sind es Selbstzweifel? Oder eine Unruhe und Ungeduld mit uns oder anderen?

Kennen wir diese Gedanken und Gefühle, fällt es uns leichter, den Perfektionisten zu enttarnen, wenn er das nächste Mal zuschlägt. In welchen Situationen er gern das Zepter in der Hand hält, ist uns meistens ja wohlbekannt. Mit diesem Wissen um die einschlägigen Gefahrensituationen und um die aufkommenden Gefühle und Gedanken wird es uns leichter fallen, den Perfektionisten auf frischer Tat zu ertappen.

Benennen

Der zweite Schritt: Nehmen wir dann in einer dieser Situationen (also bei den Slides, den Krümeln… ) unsere typischen Gefühle oder Gedanken wahr, wissen wir: Der Perfektionist ist am Werk. Und benennen ihn so. Das schafft eine gewisse Distanz – und das zu Recht, denn wir sind ja nicht mit Haut und Haaren pedantische Perfektionisten. Es ist nur ein Teil, ein Ausschnitt unserer Persönlichkeit.

Als „Notfall-Intervention“ kann es helfen, ein paar Sekunden auf unseren Atem zu achten, ganz genau auf Geräusche aus der Umgebung zu hören oder die eigenen Zehen zu finden und mit ihnen zu wackeln. Was komisch klingt, hat einen neurowissenschaftlichen Hintergrund: Durch die Konzentration auf einen unserer fünf Sinne werden Areale im Gehirn angesprochen, die uns helfen, den Perfektionismus-Modus zu verlassen.

Einordnen

Danach können wir im dritten Schritt die 80/20-Regel anwenden: Gehört diese Aufgabe zu den 80 Prozent der Aufgaben, die keine perfekte Erledigung erfordern? Bei denen schlicht gilt: Good enough is good enough? Oder ist es eine der „Premium-Aufgaben“, eine von den 20 Prozent, bei der wir uns wirklich Ruhe und Zeit nehmen sollten – die also ausnahmsweise tatsächlich ein perfektes Ergebnis braucht?

Gedanklich können wir die Aufgabe in einen Korb einordnen: Landet sie im 80-Prozent-Korb, können wir uns entspannen. Denn Perfektion ist hier nicht gefragt. Good enough is good enough. Gehört die Aufgabe dagegen in den 20-Prozent-Korb, nutzen wir die Fähigkeiten, die uns der Perfektionist bereitwillig zur Verfügung stellt. Damit wir auch in diesen Fällen etwas gelassener an die Sache herangehen, kann es helfen, einmal kurz das Worst-Case-Szenario durchzuspielen – um uns bewusst zu werden, dass es selbst im schlimmsten Fall irgendwie weiter gehen wird.

Fazit

Der Perfektionist in uns macht uns oft unnötig das Leben schwer. Er beeinträchtigt unsere Lebensqualität, unsere Beziehungen zu anderen Menschen und oft auch unsere Leistung. Es lohnt sich zu reflektieren, in welchen Fällen es wirklich eine perfekte Leistung braucht – und wann good enough good enough ist.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihrem Leben ein bisschen weniger Perfektionismus gut tun würde, schreiben Sie mir gern an mail@petsch.coach. Gemeinsam finden wir Ihren Weg raus aus der Perfektionismusfalle und rein in ein Leben, das Ihnen mehr Zufriedenheit und Gelassenheit schenkt.

 

Weitere Informationen rund um Life Coaching finden Sie in meinem Blog Gedankengang ▼ und auf meiner Website ▼ unter Life Coaching ▼. Bei Fragen kontaktieren Sie mich gerne unverbindlich unter mail@petsch.coach ▼.